Eine etwas andere Startlinie

Die meisten Athlet:innen richten ihr Training auf ein bestimmtes Rennen aus. Das war auch bei Emelie Forsberg lange so – sie trainierte für Bergrennen und bereitete sich auf jedes mögliche Szenario vor.

Heute sieht ihr Leben anders aus. Sie ist Mutter von drei Kindern – eine neue Realität, die keine Trainingspläne, kein Tapering und keine garantierte Erholung kennt. Eine Realität, in der Leistung zur Nebensache wird und Energie, Zeit und Aufmerksamkeit ständig neu verteilt werden müssen. Und wo eine neue Form von Ausdauer ins Spiel kommt, die komplexer ist als jedes Rennen.

Emelie hat das Training trotz Mutterschaft nicht aufgegeben. Sie geht immer noch in die Berge – sie könnte gar nicht anders; es ist ein Teil von ihr. Nur sieht es heute eben anders aus.




Der unsichtbare Ultralauf: Wo Mutterschaft und Ausdauersport sich treffen

Auf den ersten Blick haben Muttersein und Ultraläufe nicht viel miteinander zu tun. Schaut man genauer hin, werden die Parallelen aber schnell deutlich.


Geduld

Bei Ultrarennen geht es bei Geduld vor allem um Kontrolle, nicht so sehr um Warten. Du musst deine Reaktionen im Griff haben, auch wenn alles in dir nach vorne drängt. Am Anfang könnten alle schneller laufen – die Klugen halten trotzdem ihr Tempo.

Muttersein verlangt dieselbe kontrollierte Geduld, aber ohne die Struktur eines Rennens. Du folgst keiner Route, es gibt keine Distanz bis zur Ziellinie. Oft gibt es nicht einmal klare Zeichen, ob du auf dem richtigen Weg bist.

„Mit drei Kindern bin ich viel geduldiger geworden. Und das ist so wichtig. Es geht darum, nicht in Stress zu verfallen, nicht wütend zu werden, sich einfach Zeit zu lassen. Man lernt, die Dinge anzunehmen, wie sie sind, und das Beste daraus zu machen… und tief durchzuatmen."

Manche Tage ziehen sich endlos in die Länge, andere sind vorbei, bevor du sie verarbeiten konntest. Meistens bist du einfach mittendrin: reagierst, passt dich an, machst, was der Moment verlangt. Mit der Zeit baut diese stille Beständigkeit eine eigene Form von Ausdauer auf.


Anpassungsfähigkeit

In den Bergen bleibt nichts lange gleich – du musst immer bereit sein, auf wechselndes Gelände und Wetterveränderungen zu reagieren. Mutterschaft bringt dieselbe Unberechenbarkeit in anderer Form. Pläne gibt es, aber sie halten nicht immer, und Schlaf wird zur wertvollen Ressource statt zur Selbstverständlichkeit.

Für Emelie bedeutet das, den Gedanken an perfektes Training loszulassen. Einheiten werden flexibler: Manche Tage sind kürzer als geplant, andere fallen ganz aus.

„Ich bin ziemlich gut darin geworden, mein Training anzupassen. Ich mache lieber weniger und erhole mich zwischendurch – das hat gut für mich funktioniert. Ich weiß, dass ich den Preis zahlen werde, wenn ich zu viele intensive Tage hintereinander einbaue."

Langfristige Anpassung ist eine weitere Parallele. Die meisten wissen, dass es Jahre braucht, um technisch anspruchsvolle Bergabläufe sicher zu meistern, aber dasselbe gilt auch fürs Elternsein. Jede neue Situation ist zunächst eine Herausforderung, doch jede einzelne erweitert still und leise das eigene Repertoire. Mit der Zeit entsteht auch etwas schwerer Greifbares: ein Vertrautsein mit dem Unbekannten selbst. Nach genug unerwarteten Momenten nimmt man vieles einfach gelassener. Es braucht Erfahrung, um etwas zu meistern – im Wettkampf wie in der Mutterschaft.


Ausdauer

Beim Ultralaufen ist das Schwerste nicht ein einzelner Moment, sondern lange Zeit unter Belastung zu funktionieren. Die eigentliche Herausforderung ist die sich langsam aufbauende Erschöpfung, die sich bemerkbar macht, wenn das Ziel noch weit entfernt scheint.

Auch beim Muttersein baut mit der Zeit immer mehr Herausforderungen aufeinander auf – körperliche, mentale und emotionalen, die von außen oft unsichtbar sind.

„Auch wenn es hart ist, machst du einfach weiter und gibst dein Bestes. Es gibt wirklich schöne Momente, und auch schwierige… aber im Endeffekt ist es wunderschön."

Als Mutter wartet am Ende des Tages allerdings keine Ziellinie auf dich – sondern der Start des nächsten Rennens.


Hilft es, Profisportlerin zu sein?

In mancher Hinsicht schon, ja. Als Profisportlerin weißt du, wie du unter Druck ruhig bleibst – aber Muttersein funktioniert nach anderen Regeln. Anstrengung zahlt sich nicht immer so aus wie erwartet, Strukturen lösen sich auf, und was bleibt, ist die Fähigkeit, auf das zu reagieren, was gerade vor einem liegt.




Mutter sein und sporteln – wie geht das?

Nach dem Mutterwerden wieder ins Training einzusteigen bedeutet, etwas Neues aufzubauen, statt um jeden Preis dort weiterzumachen, wo du aufgehört hast.


Trainieren, wenn/wann es möglich ist

Als Mutter ist das Training nicht mehr der Tagesmittelpunkt – es muss seinen Platz darin finden. Einheiten finden statt, wenn Zeit dafür ist. Manchmal öffnet sich dieses Fenster weit, öfter sind es kürzere Momente.

„Meine Struktur hat sich absolut verändert. Ich bin viel flexibler geworden. Ich mache einen groben Plan für etwa drei Wochen und passe ihn dann laufend an."

Das bedeutet nicht weniger Intention. Im Gegenteil – es braucht mehr davon, um die verfügbare Zeit optimal zu nutzen. Was früher lange, offene Tage in den Bergen waren, wird zin weniger Zeit konzentriert. Jede Einheit hat noch immer einen Zweck, aber sie passt sich dem an, was der Tag realistisch zulässt.

„Ich finde es interessant… früher habe ich viele Stunden in den Bergen verbracht, jetzt bin ich strukturierter. Und beide Wege können zu einem hohen Niveau führen."

Emelies Vorbereitung auf den Transvulcania Ultramarathon dieses Jahr spiegelt ihren neuen Stil wider.

„Vor dem Transvulcania habe ich zwei lange Läufe von 3–4 Stunden gemacht, eine schnellere Einheit und lockere Läufe dazwischen. Manchmal auf dem Laufband, manchmal in der Hitze, manchmal in der Höhe."

Das Gerüst und die Grundeinstellung sind noch da, aber anpassungsfähiger. Mit der Zeit bekommt Kontinuität eine neue Bedeutung: Du tauschst perfekt ausgeführte Wochen mit hohem Volumen gegen die Beständigkeit kleinerer, unvollkommener Einheiten.


Erholung ist nichts Passives mehr

Im klassischen Training ist Erholung ein Teil des Prozesses. Ruhetage sind eingeplant, Schlaf ist geschützt und Ernährung sorgfältig abgestimmt.

Muttersein verändert das: fragmentierte Erholung, unterbrochener Schlaf, eingeschränkte körperliche Ruhe. Und die mentale Belastung ist so gut wie immer da. Es gibt keine komplette Pause, keine klare Grenze zwischen Belastung und Erholung – beides überlappt sich ständig.

„Schlaf ist wahrscheinlich das Schwierigste. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt acht Stunden am Stück geschlafen habe."

In diesem Kontext kannst du Erholung nicht mehr einfach passieren lassen. Sie wird zu etwas, dass du aktiv wahrnehmen, einplanen und schützen musst, wo es möglich ist.

„Wenn ich eine wirklich schlechte Nacht hatte, ändere ich oft den Plan. Aber wenn ich mich okay fühle, ziehe ich es manchmal durch."

Kleine Anpassungen gewinnen an Bedeutung: eine Einheit verlangsamen, ein Training früher beenden, sich für Ruhe statt Durchhalten entscheiden. Nicht als Kompromisse, sondern als Weg, um nachhaltig zu trainieren.

Zuhören statt erzwingen

Mit weniger Struktur zählt das eigene Körpergefühl mehr als das, was im Plan steht. Manche Tage laden zur Bewegung ein, andere fordern Ruhe. Beides erkennen und annehmen zu können braucht eine andere Art von Bewusstsein und bewusstes Einschätzen statt reiner Disziplin.

„Wenn ich mich überfordert fühle, schraubenich die Dinge zurück. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche."

Auch das ist eine Fähigkeit, die sich mit Sport überschneidet: den Unterschied zu spüren zwischen Erschöpfung, durch die du dich hindurchbewegen kannst, und Erschöpfung, die Ruhe verlangt. Manchmal – und das fällt Athlet:innen oft am schwersten – bedeutet die richtige Entscheidung nicht, die Einheit anzupassen, sondern sie ganz loszulassen.


Daten fürs Bewusstsein statt zur Kontrolle

Training in der Mutterschaft muss sich nicht chaotisch anfühlen. Daten können trotzdem Teil der Trainingsentscheidungen sein. Richtig eingesetzt werden sie zu einem Weg, mit dem eigenen Körper in Verbindung zu bleiben und Entscheidungen mit einer soliden Grundlage zu treffen.

Herzfrequenzvariabilität (HRV)

Die HRV spiegelt wider, wie dein Körper auf Stress wie Training, Reisen, Schlafmangel oder den Alltag reagiert.

„Wenn ich reise oder stressige Tage habe, sinkt die HRV. Wenn ich nach Hause komme, dauert es ein paar Tage, dann steigt sie wieder."

Statt auf einen einzelnen Wert zu reagieren, lohnt es sich, Trends zu beobachten. Ein anhaltender Rückgang ist oft ein Signal, die Belastung zu reduzieren – auch wenn du dich noch leistungsfähig fühlst.


Ruhepuls

Ein höherer Ruhepuls als üblich kann auf aufgebaute Erschöpfung oder Krankheit hinweisen. Es ist eine der einfachsten Möglichkeiten, den eigenen Ausgangszustand zu prüfen. Bleibt er mehrere Tage erhöht, kann das ein Zeichen sein, die Einheiten leicht zu halten oder zu verkürzen.


Schlaf-Tracking

Mit unterbrochenen Nächten ist perfekter Schlaf unrealistisch. Eine schlechte Nacht ist verkraftbar, mehrere in Folge erfordern meist eine Anpassung – und diesen Trend wahrzunehmen ist entscheidend.

Schlafdaten zeigen Qualität und Quantität über die Zeit, damit du realistische Erwartungen für den Tag setzen kannst.


Herzfrequenz beim Training

Während einer Aktivität ist Echtzeit-Feedback zur Herzfrequenz oft das Aussagekräftigste.

„Wenn ich beim Training sehe, dass meine Herzfrequenz nicht hochgeht, weiß ich, dass ich müde bin. Also entscheide ich mich, aufzuhören oder die Einheit entsprechend anzupassen."

Ist die Herzfrequenz gedämpft oder ungewöhnlich hoch für eine bestimmte Belastung, ist das oft ein Zeichen, dass der Körper noch nicht bereit ist für diese Intensität.


Trainingsbelastung & Erholungsindikatoren

Die aktuelle Belastung der letzten Tage und Wochen im Blick zu behalten, hilft dabei, zu viel Erschöpfung aufzubauen. Wenn die Erholung begrenzt ist, wird Kontinuität wichtiger als Intensitätssteigerung. Diese Indikatoren helfen, in einem nachhaltigen Bereich zu bleiben.

Das Prinzip ist einfach: Daten geben nicht den Plan vir. Sie helfen dir zu verstehen, was heute möglich ist. Kombiniert mit dem gesteigerten Körperbewusstsein, das Muttersein verlangt – für den eigenen Körper, für sich verändernde äußere Faktoren und für alles, was sich nicht kontrollieren lässt – entsteht etwas Seltenes: Daten und Intuition, die Hand in Hand arbeiten. Das ist die eigentliche Stärke.




Zurück ins Rennen – als eine neue Athlet:in

In dieser Saison steht Emelie Forsberg wieder am Start. Sie kommt allerdings nicht als die Person, die sie vorher war, zurück, sondern als neue Version.

„Meine Einstellung ist eine andere. Ich fühle mich entspannter. Das Leben fühlt sich neu an, aber auch vertraut."

Nach drei Schwangerschaften war ihre Rückkehr lange fraglich. Auf hohem Wettkampfniveau wieder einzusteigen braucht Zeit, Energie und Commitment. Und lange war sie sich nicht sicher, wie das mit allem anderen zusammenpassen würde.

„Anfangs war ich nicht sicher, ob ich als Profisportlerin weitermachen wollte. Ich weiß, wie viel Energie es kostet, auf hohem Wettkampfniveau zurückzukommen. Ich war nicht sicher, ob ich das Training aufrechterhalten und trotzdem noch Energie dafür haben kann, um eine glückliche, starke Mutter zu sein. Und jetzt spüre ich genau das."

Diese Balance beginnt sich nun abzuzeichnen. Emelie hat neue Ambitionen und eine tiefere Neugier, was noch möglich ist.

„Ich glaube, ich kann mich körperlich noch verbessern. Wenn es also eine Zeit gibt, um in den Wettkampf zurückzukehren und alles zu geben, dann jetzt."

Die Einstellung und Prioritäten haben sich verschoben, aber Leistung – mit einer neuen Definition – behält ihre Bedeutung. Du kannst außergewöhnliche Dinge tun und dabei auf einfache Erfolge abzielen.

„Erfolg bedeutet für mich heute eine gute Trainingseinheit… und dann immer noch Energie für eine glückliche Familienzeit zu haben."




Was uns Emelie zeigt

Es gibt keinen universellen Weg, Muttersein und Sport in Einklang zu bringen. Aber gewisse Prinzipien helfen dabei, etwas Nachhaltiges aufzubauen.

Erstens: Bleib in Bewegung, aber ohne den Druck, es perfekt zu tun. Bewegung muss nicht optimal sein, sie muss nur konstant genug sein, um die Verbindung zu halten.

„Ich glaube, es wird immer normaler, während der Schwangerschaft und in der Mutterschaft aktiv zu bleiben. Es hilft dabei, gesund zu bleiben und sich schneller zu erholen."

Zweitens: Passe dein Training dem Tag an, nicht umgekehrt. Das ist die größte Umstellung, wenn du als Mutter auf hohem Niveau performen möchtest. Der Schlüssel ist nicht, den Plan zu erzwingen, sondern mit dem Tag zu arbeiten. Manche Tage bieten mehr Zeit oder Energie als andere.

Drittens: Vereinfache Entscheidungen, wo es geht. Lass dich von einfachen Signale – wie du dich fühlst, wie dein Körper reagiert – und einfachen Metriken leiten. Vermeide unnötige Erschöpfung durch gezielte Optimierung der Einheiten. Ist die Energie niedrig, reduziere die Intensität. Fühlt sich der Körper bereit, nutze das.

Und zuletzt: Akzeptiere, dass es keine perfekte Balance gibt.

„Mach, was sich für dich richtig anfühlt. Und wenn du unsicher bist, hol dir Rat bei jemandem, der sich damit auskennt."

Kontinuität schlägt Perfektion. Dranzubleiben, selbst wenn es kleine Dinge sind, macht einen riesigen Unterschied. Am Ende ist es genau das, was Ausdauer und alles, was dazugehört, aufbaut.


Mit dem Start der Trailrunning-Saison 2026 wünschen wir Emelie Forsberg und allen Müttern, die Sport in ihr Leben integrieren, eine großartige Saison. Egal, ob es dabei um ambitionierte Ziele, Konstanz in kleinen Momenten oder ums Dranbleiben geht. Denn Erfolg kann ganz unterschiedlich aussehen – und jede Form davon zählt.

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