Nur wenige Ziele im Yosemite Nationalpark haben für Kletter:innen so viel Mystik wie der Lost Arrow Spire – ein freistehender Granitpfeiler, der hoch über dem Tal in der Nähe der Upper Yosemite Falls ragt. Lange Zeit galt er als klassisches Big-Wall-Objekt und als eine Art Prüfstein für erfahrene Kletter:innen.
Am 14. Dezember 2025 schrieben Tanner Wanish und Brant Hysell ihren Namen in die inoffizielle Hall of Fame des Speedkletterns in Yosemite, indem sie die Lost Arrow Spire Direct in atemberaubenden 3 Stunden und 11 Minuten erklommen, die schnellste bekannte Besteigung überhaupt. Nur wenige Teams haben sich überhaupt an diese Route gewagt, und noch weniger haben sie mit dieser Effizienz gemeistert.
Dieser Erfolg ist nicht nur ein persönlicher Meilenstein für die beiden Athleten, sondern auch ein Statement für Ausdauer, Präzision und die fortlaufende Weiterentwicklung des Speed-Big-Wall-Kletterns – ein Sport, der ständig neu definiert, was auf klassischen Routen möglich ist.
Was den Lost Arrow so besonders macht
Der Lost Arrow Spire steht losgelöst von der Hauptwand von Yosemite und ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts Teil der Klettergeschichte. Ursprünglich wurden Aufstiege mit Aid-Climbing und Schlaghaken über mehrere Tage absolviert, ein Zeugnis für die goldene Ära der Big-Wall-Exploration im Yosemite.
Im Gegensatz zu den bekannten Trad-Routen am El Capitan oder den imposanten Linien am Half Dome bietet der Lost Arrow etwas Besonderes. Kletter:innen rappelten oft zunächst in die „Notch“, erklimmen den Pfeiler selbst und kehren über eine dramatische Tyrolean Traverse zurück zum Wandrand, ein spektakuläres Finale, das die Athlet:innen über dem Talboden schweben lässt.
Für Brant Hysell hat der Pfeiler schon in seinen ersten Tagen im Valley gerufen:
„Ich erinnere mich, wie ich den Upper Falls Trail allein gelaufen bin, bevor ich irgendjemanden kannte oder überhaupt wusste, wie man Trad klettert. Zwischen den Bäumen tat sich plötzlich der Pfeiler auf, und ich dachte: ‚Hat den überhaupt schon jemand bestiegen? Wahrscheinlich nicht…‘ Wie falsch ich lag.“
Die Route wurde schnell zu einem Traumziel.
„Meine erste richtige Big-Wall-Route. Superklassisch. Tyrolean Traverse. Sie sollte in Sachen Aufmerksamkeit definitiv neben die Regular Northwest Face am Half Dome gestellt werden.“

Die Idee: Einen Klassiker zum Speed-Ziel machen
Trotz seiner Geschichte war der Lost Arrow Spire nie so ein Ziel für Speed-Kletterer wie die Routen am El Capitan. Doch der Gedanke, die Geschwindigkeit zu steigern, schwelte bei beiden Kletterern schon lange.
Für Brant Hysell kam die Inspiration aus langen Tagen, die er auf den Wiesen von Yosemite verbrachte:
„Letzte Saison habe ich viel Zeit auf einer Wiese verbracht, mit perfektem Blick auf den Lost Arrow. Er hing stolz über dem Talrand und schien mich herauszufordern. Als Tanner die Idee ins Spiel brachte, war klar: Wir mussten es tun.“
Tanner Wanish hatte schon noch länger an der Spitze gedacht:
„Ich habe seit dem Sommer 2024 über den Lost Arrow nachgedacht, als wir über das Quad sprachen“, erzählt er, in Anspielung auf ambitionierte Yosemite-Linkups. „Zu diesem Zeitpunkt war die einzige Referenz die bestehende Bestzeit von sieben Stunden und zwanzig Minuten.“
Mit einer einfachen Faustregel aus dem Speedklettern, etwa 10 Minuten pro Seillänge auf Terrain dieses Grades, glaubte Tanner, dass die Wand deutlich schneller zu bewältigen sei:
„Eine grobe Rechnung auf einer Serviette zeigte mir, dass die Route in weniger als der Hälfte der bisherigen Bestzeit machbar war. Es fühlte sich nach einem offensichtlichen Ziel an, das man ausprobieren musste.“
Philosophie des Speedkletterns
Für beide Kletterer geht es beim Speedklettern nicht nur darum, Minuten zu sparen. Sie sehen es als völlig neue Art, Big Walls zu erleben.
„Es gibt kein besseres Gefühl, als eine riesige Wand hinaufzuschauen und zu denken: ‚Ich kann es kaum erwarten, diesen großen, schönen Felsen zu klettern.‘ Dann mit einem begeisterten und kompetenten Partner zusammenzuarbeiten und die Wand zu meistern. Das ist wie die Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben“, sagt Brant.
Für Tanner geht es noch tiefer:
„Speedklettern ist Befreiung“, erklärt er. „Es ist der ultimative Ausdruck von Freiheit an der Wand. Es gibt keine Regeln für den Stil: Fühlst du dich stark, klettere frei. Triffst du auf etwas Angsteinflößendes, sicher es mit einem Cam und zieh durch, bis du wieder frei klettern kannst.“
Diese Freiheit verwandelt riesige Wände in das, was Tanner „Spielplätze für Erwachsene“ nennt.

Vorbereitung auf den Versuch
Im Gegensatz zu vielen Yosemite-Projekten, die sich über Wochen voller Versuche erstrecken, hatten Tanner und Brant nur einen engen Zeitrahmen.
Sie hatten gerade einmal drei Arbeitstage im Park, um die Route zu erkunden und den Aufstieg zu wagen.
Um das auszugleichen, machten sie den größten Teil der Vorbereitung fernab des Felsens. In diesem Fall fand die Planung am Küchentisch von Brant statt.
„Wir setzen uns immer zusammen und besprechen die Wand vor einem Aufstieg bis ins kleinste Detail“, sagt Tanner. „Jede Seillänge, jeder Crux, die Platzierung der Ausrüstung, Taktiken, Sicherheitsfragen.“
Da sie nur eine einzige Übungsbegehung vor ihrem Speed-Versuch planten, gingen sie beim Erkundungsklettern mit ungewöhnlicher Disziplin vor.
„Wir haben beim Erkundungsklettern die Beta bewusst langsamer durchgegangen“, erklärt Tanner. „Wir wollten die Cruxen gründlich auskundschaften und sicherstellen, dass jeder Abschnitt sitzt, damit wir am nächsten Tag nicht zögern.“
Auch die Teamdynamik spielte ihnen in die Karten.
„Tanner übernimmt meist die Freikletter-Passagen“, sagt Brant, „ich kümmere mich eher um die Aid-Stellen. Das hat perfekt funktioniert.“
Beide Kletterer brachten zudem starke Referenzen mit: Tanner hatte kürzlich die Yosemite Triple Crown in unter 18 Stunden abgeschlossen, während Brant im Herbst Speed-Aufstiege auf den Aid-Routen am El Capitan trainierte.
Wettkampftag am Spire
Als der Moment kam, war die Strategie simpel: ständig in Bewegung bleiben.
Bei einer 16-Seillängen-Wand wie dem Lost Arrow Spire wird das Tempo fast nebensächlich.
„Hier schaltest du den Begrenzer aus“, sagt Tanner. „Jetzt ist Wettkampfzeit.“
Die Effizienz kam durch ein durchdachtes System: kurzes Fixieren. Anstatt an Zwischensicherungen zu warten, klettert der Vorsteiger weiter, während der Nachsteiger das Seil hochkommt und die nächste Seillänge vorbereitet.
„Das Wichtigste ist, das Seil die ganze Zeit an der Wand nach oben zu bewegen“, erklärt Tanner.
Währenddessen konzentrierte sich Brant darauf, den Rhythmus stabil zu halten, besonders bei den Jugging-Passagen, in denen man das Seil hochklettert.
„Es geht wirklich darum, Pausen zu eliminieren“, sagt er. „Du willst stetig die Wand hoch, ohne Unterbrechungen.“
Dennoch hatte die Sicherheit immer Vorrang.
Speedklettern erfordert ständiges Abwägen von Risiken – entscheiden, wo ein Sturz akzeptabel ist und wo auf keinen Fall.
„Bei einer Seillänge lasse ich vielleicht sechs Cams drin“, sagt Brant. „Bei der nächsten vielleicht nur ein oder zwei. Es geht darum zu wissen, wann man leicht gehen kann und wann man kein Risiko eingehen darf.“

Die Rolle von Daten und Technologie
Modernes Speedklettern verbindet körperliche Leistung mit präzisen Leistungsdaten.
Mit Tools wie der COROS VERTIX 2S verfolgte das Team Herzfrequenz und Zwischenzeiten während des Aufstiegs.
„Bei solchen intensiven Einheiten achte ich auf meine Herzfrequenz, um mich nicht zu früh zu überlasten“, erklärt Tanner. „Rund 150 Schläge pro Minute sind beim Vorstieg eine gute Zone.“
Brant nutzte die Daten eher in den ruhigeren Momenten.

„Ich habe darauf geachtet, meine Herzfrequenz während der kurzen Sicherungspausen unter 90 Schläge pro Minute zu halten“, sagt er. „Wenn mir das gelang, wusste ich, dass ich noch viel Reserven hatte.“
Die Ruhe in diesen Übergängen half, Energie für die anspruchsvolleren Seillängen später aufzusparen.
„Es ist leicht, sich von der Aufregung mitreißen zu lassen“, sagt Brant. „Aber entspannt zu bleiben beim Sichern und Juggen spart enorm viel Kraft.“
Eine neue Ära für Lost Arrow
Über die Jahre hatte der Aufstieg für beide Kletterer eine tiefe persönliche Bedeutung. Für Brant war Lost Arrow schon lange ein fehlendes Puzzlestück in seiner Yosemite-Biografie. „Ich war einfach froh, die Chance zu haben, ihn zu klettern – und das gleich zweimal an einem Tag“, sagt er. „Und es war Tanners und mein erster richtiger Aufstieg zusammen. Dass wir von Anfang an so gut zusammenflossen, war etwas Besonderes.“ Für Tanner bestätigte die Erfahrung, warum das Klettern für ihn so zentral ist. „Klettern ist für mich der ultimative Ausdruck des Lebens“, erklärt er. „Man lernt, wie man auf Angst, Risiko, Druck und Scheitern reagiert. Man lernt Geduld bei langen Sicherungen und wie tief man den Fels und die Jahreszeiten versteht.“
Ihr Aufstieg könnte auch eine neue Ära für Speedklettern im Yosemite markieren. Während Rekorde bisher vor allem auf ikonische Routen am El Capitan fokussiert waren, hoffen Tanner und Brant, dass ihr Erfolg Lost Arrow ins Rampenlicht rückt. „Lost Arrow zeigt einige der besten Seiten Yosemites“, sagt Tanner. „Riesige Bänder, unglaubliche Exposition und die beste Kulisse im Park.“

Ratschläge für die nächste Generation
Für Kletter:innen, die vom Aufstieg inspiriert sind, betonen beide Athleten vor allem eines: Fang einfach an zu klettern.
„Der wichtigste Faktor ist, einfach rauszugehen und es zu tun“, sagt Tanner. „So viele Leute reden jahrelang über Big Walls, treten aber nie vom Boden ab.“
Brant empfiehlt, Erfahrung Schritt für Schritt aufzubauen.
„Fangt mit kleinen Mehrseillängenrouten an und steigert euch dann langsam“, sagt er. „Arbeitet euch zu 15-Seillängen-Tagen hoch und wagt dann eure erste große Wand. Lernt ständig dazu und sprecht mit eurem Partner darüber, was ihr besser machen könnt.“
Denn am Ende eröffnet Speedklettern eine ganze Welt an Möglichkeiten.
„Je schneller du bist“, lacht Brant, „desto mehr Routen kannst du klettern. Weniger Essen, weniger Wasser, mehr Wände und mehr Spaß mit einem großartigen Freund.“
Und wenn Tanner und Brant ein Wort mitzureden haben, werden die nächsten Kletterer, die sich die Granittürme über den Yosemite Falls hinaufwagen, vielleicht schon bald einen neuen Maßstab auf einem der ikonischsten Pfeiler des Tals setzen.

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