Eine FKT am Mont Blanc ist kein offizielles Rennen. Es gibt keine Zuschauer:innen, keine Streckenmarkierungen – nur einen Startpunkt und eine gedachte Linie durch Gletscher, Grate und hochalpines Gelände. Trotzdem haben diese Versuche in der Ausdauer- und Alpinismus-Community ein enormes Gewicht und werden über GPS-Daten und die kritische Prüfung der Community bestätigt.
Was diese Besteigung besonders macht, ist die Verbindung verschiedener Disziplinen: Skibergsteigen, effizientes Trailrunning und datenbasiertes Pacing. Dank des Trackings mit COROS lässt sich diese Leistung präzise nachvollziehen – ein seltener Einblick darin, wie sich Eliteathleten in extremen Umgebungen bewegen.
Eine kurze Geschichte der Geschwindigkeit am Mont Blanc
FKTs am Mont Blanc stehen in einer langen Tradition von Athlet:innen, die neu definieren, was „schnell“ in den Bergen bedeutet.
Die Idee, sich am Mont Blanc schnell zu bewegen, reicht über ein Jahrhundert zurück, doch moderne Geschwindigkeitsrekorde nahmen erst im späten 20. Jahrhundert richtig Gestalt an. Der Schweizer Bergsteiger Pierre-André Gobet setzte 1990 mit etwas über fünf Stunden eine Bestmarke, die jahrzehntelang Bestand hatte.
Dann kam 2013 ein Wendepunkt: Kilian Jornet dachte den Berg als Bühne für Ausdauerleistung neu und absolvierte die Runde in 4:57:40. Sein Ansatz – minimale Ausrüstung, aggressives Tempo und ein tiefes Gefühl für das Gelände – veränderte die Erwartungen grundlegend.
Auch Mathéo Jacquemoud selbst ist seit Jahren Teil dieser Entwicklung. 2013 stellte er im Skibergsteigen eine Zeit von etwas über fünf Stunden auf, unter extremen Bedingungen mit bis zu –20 °C und hartem, unregelmäßigem Schnee nahe des Gipfels.
In jüngerer Zeit hat sich das Tempo nochmals deutlich erhöht:
- Benjamin Védrines verbesserte die Zeit 2025 auf etwa 4:54
- William Boffelli unterbot diese Marke kurz darauf mit 4:43:24
Und nun haben Jacquemoud – diesmal gemeinsam mit Equy – diese Entwicklung noch einmal weitergetrieben.

Die Route von Chamonix
Die Mont-Blanc-FKT-Route wirkt auf den ersten Blick überraschend simpel: Start in Chamonix, hinauf auf 4.809 Meter und wieder zurück. Doch hinter dieser Einfachheit verbirgt sich enorme Komplexität. Die klassische Rundtour umfasst rund 30 Kilometer Strecke und über 3.800 Höhenmeter.
Gestartet wird an der Kirche in Chamonix. Von dort führt die Route typischerweise über die Grands-Mulets-Variante und zieht sich durch Gletscher, Spaltenzonen und exponierte Grate.
Der Anstieg in Abschnitten:
Talstart
Der Beginn führt über gut laufbares Gelände aus dem Tal hinaus. Die Steigung ist hier noch moderat, und genau darin liegt die Gefahr: zu früh zu viel zu wollen. Entscheidend ist kontrolliertes Tempo – schnell unterwegs sein, aber die Belastung klar im aeroben Bereich halten. Körperlich bedeutet das, sich bewusst zurückzunehmen, auch wenn sich die Beine frisch anfühlen und das Tempo leicht wirkt.
Übergang ins Hochgebirge
Mit zunehmender Steilheit und dem Übergang ins Gletschergelände verändert sich der Rhythmus. Der Untergrund wird unberechenbarer, und Effizienz ist plötzlich weniger eine Frage der Fitness als der Technik. Saubere Skiwechsel, sicheres Bewegen über Schnee und Eis sowie die Wahl der richtigen Linie werden entscheidend. Körperlich zählt hier vor allem Konstanz: gleichmäßige Leistung halten, während das Gelände deutlich anspruchsvoller wird.
Gipfelanstieg
Oberhalb von 4.000 Metern diktiert der Berg zunehmend die Bedingungen. Die Luft wird dünner, das Tempo sinkt zwangsläufig, und jede Bewegung kostet mehr Energie. Geschwindigkeit tritt in den Hintergrund, während das Management der Belastung im Vordergrund steht. Die Atmung wird schwerer, die Herzfrequenz steigt, und der Fokus liegt darauf, kontinuierlich voranzukommen, ohne zu überziehen.
Abfahrt
Die Abfahrt ist der Moment, in dem alles zusammenkommt. Bei stabilen und festen Schneebedingungen wird Geschwindigkeit zum Vorteil – allerdings nur, wenn sie kontrolliert bleibt. Körperlich geht es weniger um reine Leistung, sondern um Koordination und Belastbarkeit unter Ermüdung. Genau hier werden Rekorde oft entschieden: genug Aggressivität, um schnell zu bleiben, aber gleichzeitig genug Kontrolle, um keine Fehler zu machen, die den Versuch noch auf den letzten Metern ruinieren könnten.

Insgesamt ist die Route weniger eine gerade Linie als vielmehr ein permanentes Aushandeln zwischen Gelände, Höhe und Belastung. Jeder Abschnitt stellt andere Anforderungen an den Körper. Erfolg entsteht daraus, sich nahtlos anzupassen, während der Berg fortlaufend die Regeln verändert.
In den Zahlen: COROS-Leistungsdaten

Hinter der reinen Zielzeit verbirgt sich ein detaillierter Datensatz, der erklärt, wie diese Leistung überhaupt möglich war. Besonders auffällig ist die Disziplin im Pacing. Statt früh zu attackieren (wo die Strecke am flachsten ist), hielten Jacquemoud und Equy die Belastung kontrolliert und konnten dadurch weiter oben am Berg noch Tempo aufbauen.

Die Herzfrequenzdaten aus COROS geben einen klaren Einblick, wie kontrolliert und strategisch dieser Versuch tatsächlich war. 74 % der Gesamtzeit verbrachten sie in Zone 1 und 2 (41 % unter 140 bpm und 33 % zwischen 140–158 bpm). Das zeigt eine starke aerobe Basis und ein diszipliniertes Pacing von Beginn an. Statt in hohe Intensitätsbereiche zu gehen, blieben Jacquemoud und Equy konsequent im nachhaltigen Bereich – entscheidend für eine Leistung, die bis auf fast 5.000 Meter Höhe führt.
Zeit in Zone 3 (12 %) und Zone 4 (14 %) fällt auf die steileren, technisch anspruchsvolleren Passagen sowie den Gipfelanstieg, wo Höhe und Gelände mehr Leistung erfordern. Bemerkenswert ist, dass keine Zeit in Zone 5 oder 6 verbracht wurde. Das unterstreicht: Hier ging es nicht um einen Sprint, sondern um eine präzise ausbalancierte Ausdauerleistung. Die Daten zeigen ein zentrales Prinzip von Hochgebirgs-Speed-Aufstiegen: Erfolg entsteht nicht durch Ausbelastung, sondern durch Effizienz und Kontrolle unter ständig wechselnden Bedingungen und Sauerstoffverhältnissen.
Typischerweise steigt die Herzfrequenz mit zunehmender Höhe kontinuierlich an – kein plötzlicher Peak, sondern eine schleichende Belastung durch den sinkenden Sauerstoffgehalt. Genau das deckt sich mit früheren Rekordversuchen: Entscheidend ist das Management der Belastung, nicht ein zu frühes Ausschöpfen der Reserven.

Die Runden-Daten ergänzen die Geschichte um eine weitere Ebene – besonders wenn man die vertikale Geschwindigkeit als Maß für Effizienz im Anstieg und Kontrolle in der Abfahrt betrachtet.
Im ersten Talabschnitt bewegen sich die Athlet:innen bereits sehr engagiert mit 1.353 Höhenmetern pro Stunde und einer durchschnittlichen Herzfrequenz von 156 bpm (oberer Bereich von Zone 2). Das zeigt einen starken, aber kontrollierten Einstieg. Nach dem ersten Übergang zieht das Tempo leicht an, bevor es durch Höhe und technisches Gelände im Gipfelbereich wieder gedämpft wird.
Nach der Gipfelpassage dreht sich das Bild komplett: Die Herzfrequenz fällt auf 110 bpm, während die vertikale Geschwindigkeit auf -8.360 m/h ansteigt – ein Ausdruck der schnellen Abfahrt. Kurzzeitig erreichte Mathéo über 70 km/h. Diese schnelle, kontrollierte Abfahrt auf gutem Schnee ist ein entscheidender Faktor für diese FKT. Seine Herzfrequenz sank dabei bis auf 91 bpm, was trotz hoher Geschwindigkeit auf eine sehr kontrollierte Intensität hinweist.
In der Talphase vor Chamonix verlangsamte sich das Tempo naturgemäß wieder, doch das Team erreichte den Ort in Rekordzeit.
COROS-Daten verwandeln diese Leistung von einer beeindruckenden Geschichte in ein analysierbares Modell. Sie zeigen nicht nur, was passiert ist, sondern wie es umgesetzt wurde.
Fazit

Diese Mont-Blanc-FKT markiert einen weiteren Schritt nach vorn – nicht nur in Bezug auf Geschwindigkeit, sondern auch darin, wie solche Leistungen verstanden werden. Jacquemoud und Equy sind nicht einfach schneller gelaufen oder gefahren; sie haben mit maximaler Präzision gearbeitet und Belastung, Gelände und Bedingungen über die gesamte Dauer perfekt ausbalanciert.
Die COROS-Daten machen diese Leistung greifbar. Sie zeigen Zurückhaltung am Anfang, Effizienz im Anstieg und kontrollierte Aggressivität in der Abfahrt. Aus einer einzelnen Spitzenleistung wird so etwas, das andere analysieren und daraus lernen können.
Genau in diese Richtung entwickelt sich der Bergsport: Die Grenzen werden weiterhin im Gelände verschoben, aber immer stärker auch im Datenraum dahinter.

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