Der Zegama-Aizkorri-Marathon ist eines der wenigen Trail-Rennen, wo die Geschichte wirklich zählt. Dabei geht es nicht nur um die Streckenrekorde auf der Anzeigetafel, sondern vor allem um das Wissen, das sich über jede einzelne Edition angesammelt hat. Wer jeden schlammigen Abstieg kennt oder den besten Steilgrat für den Aufstieg, hat einen echten Vorteil.

Kilian Jornet hat das Rennen elf Mal gewonnen. Er kennt das Aizkorri-Massiv wie andere den täglichen Weg zur Arbeit. Und selbst mit diesen Erfolgen in der Tasche verfeinert er seinen Ansatz beim Rennen 2026 noch weiter.

Um zu verstehen, wo er hin möchte, muss man sich ansehen, wo er herkommt – vor allem seine letzten beiden Teilnahmen am Rennen: 2022 und 2024. Bei beiden ging er als Sieger hervor. Aber kein Rennen ist wie das andere und Kilians Daten erzählen zwei sehr unterschiedliche Geschichten darüber, wie er es auf das Podium geschafft hat.




Zegama 2022 oder Die Strecke beherrschen

2022 setzte neue Standards für das Rennen. Kilian schaffte es in 3:36:40 Stunden ins Ziel, fast 9 Minuten vor Stian Angermund-Viks Streckenrekord von 3:45:08 aus dem Jahr 2017. Von außen, eine beeindruckende Leistung. Von innen gesehen, ergibt sich mit den Daten ein noch präziseres Bild.

Seine durchschnittliche Herzfrequenz über das gesamte Rennen lag bei 164 bpm, mit einem Höchstwert von 181 bpm bei den ersten Steigungen. Was 2022 jedoch besonders macht, ist das Wettkampffeuer, das ihn antrieb. Über mehr als die Hälfte des Rennens liefen Kilian und der italienische Läufer Davide Magnini Seite an Seite und wechselten sich an der Spitze ab.

Bei Kilometer 25 entschied sich das Rennen auf einem technischen Abstieg kurz nach dem Aizkorri. Es ist ein Muster, das sich bei Kilian durch viele Rennen zieht. In Geländeabschnitten, die ständige Mikroentscheidungen erfordern, scheint er kaum nachzudenken. Er „fließt“ einfach – während andere ihren Weg nach unten vorsichtig abtasten.

Kilian jornet zegama 2022

Vor dem letzten großen Anstieg des Kurses legte Kilian erneut einen Zahn zu, um Magninis letzte Hoffnungen auf ein Comeback zu begraben. Als er den Gipfel überquerte und den Abstieg begann, waren ihm Sieg und Streckenrekord schon so gut wie sicher.

In der zweiten Rennhälfte lag sein HF-Durchschnitt bei 163 bpm, also fast exakt gleich zur ersten Hälfte. Keine nennenswerte Abweichung. Auf einer Strecke, wo die erste Hälfte fast zur Gänze bergauf und die zweite hauptsächlich bergab gelaufen wird, zeigt eine so stabile Herzfrequenz, dass er sowohl beim Auf- als auch beim Abstieg dieselbe Leistung abrufen kann.

„In meinen 20ern habe ich meinen Körper einfach so hart gepusht, wie es nur ging, und mich dabei auf mein massives Trainingsvolumen verlassen“, erzählt Kilian über seinen früheren Rennansatz. Die Daten aus 2022 legen nahe, dass diese Phase damals bereits hinter ihm lag. Dieses Rennen war kalkuliert gewesen, mit Geduld gelaufen und mit gezielten Anstrengungen in genau den richtigen Momenten ausgeführt worden.




Zegama 2024 oder Widrige Umstände meistern

Zwei Jahre später kehrte Kilian unter ähnlichen Bedingungen nach Zegama zurück – mit einem anderen Ziel. Er wollte den Streckenrekord erneut.

Das zeigte sich bereits auf den ersten Kilometern. Wo er 2022 gezügelt begonnen hatte, startete er 2024 schnell. Seine durchschnittliche Herzfrequenz auf den ersten 10 Kilometern lag bei 168 bpm – fast 12 bpm höher als auf derselben Strecke 2022. Während der Kilometer 2, 3, 4 und 5 erreichte sie 172–177 bpm. Er preschte nach vorn.

Bis Kilometer 21 war er 2 Minuten vor seiner 2022er-Pace. Der Streckenrekord schien somit erreichbar.

Dann, irgendwo auf den letzten 10 Kilometern, rebellierte sein Magen.

Die Daten zeigen die Veränderung deutlich. Seine durchschnittliche Herzfrequenz in der zweiten Hälfte fiel von 164 bpm in der ersten Hälfte auf 157 bpm. 2022 hielt er dieselbe Herzfrequenz über das gesamte Rennen, 2024 stürzte sie ab. Von Kilometer 33–42 hatte er sich zwei Jahre zuvor den Rekord gesichert – diesmal lag seine Herzfrequenz nur bei 155 bpm (2022 waren es 160 bpm). Das war eher Schadensbegrenzung als Wettkampf.

Kilian jornet zegama 2024

Und trotzdem gewann er – und brachte seinen elften Sieg beim Zegama nachhause. Er lief nach 3:38:07 Stunden ins Ziel, keine zwei Minuten hinter seinem eigenen Rekord. Die zweitschnellste Zeit überhaupt, und das, obwohl er im letzten Drittel massiv zu kämpfen hatte.

Auch das ist eine Form von Überlegenheit.




Zwei Siege – zwei verschiedene Rennen

Bei Gegenüberstellung der Daten erkennt man einen starken Kontrast:


20222024
Zielzeit3:36:403:38:07
⌀ HF164 bpm161 bpm
Effort Pace3:52/km3:23/km
⌀ HF erste Hälfte161,6 bpm164,0 bpm
⌀ HF zweite Hälfte162,8 bpm156,6 bpm

Die auffälligste Zahl ist die Differenz bei der Effort Pace im Vergleich zur Herzfrequenz. 2024 war Kilians Belastung höher bei niedrigerer durchschnittlicher Herzfrequenz. Die höhere Effort Pace deutet jedoch darauf hin, dass er auf den Anstiegen möglicherweise nicht so effizient unterwegs war wie 2022 – wahrscheinlich beeinflusst durch die Stellen, an denen ihn sein Magen zum Zurückschalten zwang.

Kilian Jornet zegama data

Zwei Siege. Einer geprägt von einem perfekt getimten Aufstieg. Einer geprägt von Widerstandsfähigkeit unter widrigen Umständen. Zusammen zeichnen sie ein klareres Bild davon, welcher Athlet 2026 in Zegama an den Start geht.




Wie 2026 aussieht

Der Aufbau in diesem Jahr sieht anders aus als bei beiden vorangegangenen Ausgaben – das Ergebnis seines verbesserten Ansatzes der letzten Jahre.

„Ich konzentriere mich jetzt darauf, smarter zu trainieren statt härter", erklärt Kilian. „Ich achte viel mehr auf Erholung und Effizienz. Was dieses Jahr einzigartig macht, ist schlicht die Balance: Ich organisiere mein Training rund um das Vatersein für drei Kinder und meine anderen Projekte. Deshalb hat jede einzelne Trainingseinheit einen ganz bestimmten Zweck – damit ich keine Energie verschwende."

Diese zielgerichtete Struktur setzt sich auch im Rennen selbst fort. Kilian hat über die Rolle der Pacing-Strategie gesprochen, die ihm auf Zegamas gefährlichstem Abschnitt als Korrektiv dient: den frühen, laufbaren Kilometern, auf denen das Publikum einen Athleten weit über das geplante Tempo hinausreißen kann.

„Die Pace ist eine rationale Orientierungshilfe, die meine Belastung gleichmäßig hält", sagt er. „Sie erinnert mich daran, mich auf den leichteren, laufbaren Abschnitten zurückzuhalten, damit ich meine Beine nicht verbrenne, bevor ich auf den unberechenbaren Schlamm und die steilen Anstiege treffe."

Die Daten von 2022 zeigen, was diese Art von Kontrolle an einem guten Tag hervorbringt. Die Daten von 2024 zeigen, was es kostet, auch nur leicht darüber hinauszugehen, wenn das Rennen nicht mitspielt.

„Das eigentliche Rennen beginnt, wenn das Gelände auf dem Weg hinauf zum Aizkorri steil wird", meint Kilian. „Egal wie frisch ich mich am Start fühle – ich spare meine Energie für diese technischen Auf- und Abstiege."

Die Daten beider Rennen belegen das, aber besonders 2022 zeigt einen anhaltenden Herzfrequenzanstieg auf dem Anstieg von Sancti Spiritu zum Aizkorri.

Elf Mal hat er das hier schon gemacht. Der Streckenrekord gehört ihm. Widrigkeiten hat er gemeistert. Was 2026 bleibt, ist die vollständigste Version seines Zegama-Rennens – aufgebaut auf allem, was die vorangegangenen Ausgaben ihn gelehrt haben.




Der Vorsprung liegt in den Entscheidungen

Zegama belohnt nicht immer die stärksten Athlet:innen auf dem Papier. Es belohnt die Athlet:innen, die die richtigen Entscheidungen treffen – immer und immer wieder, über eine marathonlange Strecke im Hochgebirge.

2022 setzte Kilian die entscheidenden Aktionen, um einen neuen Rekord zu schreiben. 2024 traf er auf den letzten 10 Kilometern hundert kleinere Entscheidungen, die ein gefährdetes Rennen vor dem Auseinanderbrechen bewahrten. Beides erfordert dieselbe Grundkompetenz: zu wissen, was das Rennen verlangt – und klar darauf zu reagieren, egal was Beine, Magen oder Publikum einem sagen.

„Mein Rat: die Energie genießen, aber strikt am eigenen Pacing-Plan festhalten", sagt er in Bezug auf Zegamas legendäre, mitreißende Atmosphäre.

Mit elf Siegen, einem Streckenrekord, über Jahre hart erarbeitetem Wissen und der Bescheidenheit, immer weiter zu lernen, geht Kilian in Zegama 2026 an den Start.

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